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Buchtipp: “Einfach autofrei leben”

Der Blogger und Autor Heiko Bielinski packt ein in Deutschland hitzig diskutiertes Thema faktenreich und sympathisch an. Es ist auch die Geschichte der Reise einer jungen Familie, die mutig und neugierig neues Terrain betritt.

Die rheinland-pfälzische Provinz zu Beginn der Neunziger Jahre. Ohne Führerschein und ohne eigenes Auto organisiere ich als Achtzehnjähriger meine Mobilität selbst. Das Jahr 2000 steht für die ferne Zukunft. Die zwei mit den drei Nullen hat bereits in den Jahrzehnten zuvor eine Anziehungskraft auf Autoren und Filmemacher ausgeübt. Und auch ich bin überzeugt davon, dass, sobald diese Datumsgrenze überschritten ist, alles anders sein wird. Nur wie die Welt dann aussehen wird, das ist noch niemandem klar, das neue Jahrtausend scheint wie eine Nebelwand.

 “Auf dem Land geht es ohne eigenes Auto nicht” (im Hunsrück entdeckte römische Inschrift aus 270 n. Chr.)

Heute befinden wir uns weit jenseits der 2000er. Und noch immer fahren wir auf Sicht. Während der gesamte Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase in Deutschland seit 1990 deutlich gesunken ist, ist der Anteil des Verkehrssektors daran nahezu konstant geblieben. Die Anzahl der im Straßenverkehr Getöteten ist in Deutschland seit den 1990er-Jahren zum Glück stark zurückgegangen, stagniert aber seit ein paar Jahren auf immer noch zu hohem Niveau. Mit rund 67 Millionen Kfz im Jahr 2020 war der Bestand der in Deutschland registrierten Kraftfahrzeuge nie höher, und das  SUV-Segment boomt weiterhin ungebremst. 

Viel hat sich also nicht geändert. Auch nicht die Argumente gegen einen Autoverzicht: “Auf dem Land geht es ohne eigenes Auto einfach nicht”. Schaue ich von heute zurück auf die Neunziger Jahre, dann sehe ich mich zusammen mit meiner Freundin am Straßenrand die Daumen rausstrecken. Als Tramper fanden wir damals jedes mal sicher eine Mitfahrgelegenheit, die uns meist pünktlich und zuverlässig an unser Ziel brachte. Die freundlichen Menschen, die uns mitnahmen, waren manchmal Leute, die man aus den Augen verloren hatte. Ehemalige Lehrer oder Eltern von alten Schulfreunden. Man fand fast immer eine Ebene für ein nettes Gespräch. Und falls nicht, dann hat man eine Kassette dabei, die man dem Fahrer anbietet einzulegen (Vorderseite: Danzig, Rückseite: Living Colour).

Familie Bielinski verkauft ihren Gebrauchtwagen und pfeift auf die angebliche “Freiheit”

Heiko Bielinski, der Autor des Buches “Einfach autofrei leben” ist geduldig. Er möchte das Argument oben anders formulieren: “Auf dem Land ist die Infrastruktur noch nicht so weit, dass es ohne eigenes Auto geht”. So “eröffnen sich völlig neue gedankliche und konkrete Räume für alternative Mobilitätskonzepte – auch auf dem Land”. 

Sein Buch packt ein in Deutschland hitzig diskutiertes Thema faktenreich und sympathisch an. Es ist zuerst einmal die Geschichte seiner eigenen Reise, weg vom eigenen Auto. Zusammen mit seiner jungen Familie wagt er sich 2014 auf Terrain, das den meisten Menschen zu unbequem ist. Die Familie verkauft ihren Gebrauchtwagen. Sie pfeift auf die angebliche “Freiheit” auf den eigenen vier Rädern und findet alternative Wege für eine Mobilität, die alle vier Familienmitglieder mit der Zeit immer mehr zu schätzen wissen. 

Auch im Jahr 2021 mutet es abenteuerlich an, dass jemand Angebote wie Carsharing, Bahnverbindungen, das Fahrrad und die eigenen Füße nutzt, um nicht nur sich selbst und den Geldbeutel zu schonen, sondern auch seinen Mitmenschen nicht mehr zur Last zu fallen, als unbedingt notwendig. Und sie beginnen, ihre Umwelt mit anderen Augen sehen. Erleben auf ihren Reisen Dinge, die man als Autofahrer nicht (mehr) mitbekommt. Dass die Familie Bielinski in der Großstadt München wohnt, macht die Umsetzung ihres kühnen Planes im Alltag einfacher. Aber auf dem Land? Unmöglich! 

Taufe, Erstkommunion, Führerschein 

Die Buslinie, die auch vor 30 Jahren in jedem deutschen Kaff leider ziemlich zuverlässig funktionierte, war die der Schulbusse. Die morgendliche 20 Kilometer lange Fahrt gab mir Zeit, die letzten Hausaufgaben zu erledigen oder nochmals die Vokabeln zu pauken. Und außerdem hoffte ich, dass die Hübsche aus der Parallelklasse in den Bus einstieg und ich wieder Blickkontakt aufnehmen konnte. 

Doch auf dem Land war das eigene Auto nicht nur Fortbewegungsmittel, sondern gehörte auch zum Initiationsritus. Bald nach der Kommunion musste ein Mofa her, bis dann irgendwann die Erlösung vom öffentlichen Personennahverkehr in Sichtweite kam: der Führerschein und das eigene Auto. Auch meine Freunde bearbeiteten mich. Und das nicht ganz ohne Hintergedanken. In meinem roten Honda Civic fanden bei manchen Wochenendfahrten mehr Leute Platz, als von irgendeiner Straßenverkehrsordnung auf der Welt toleriert wird. Und unter der Woche belegten jeden Morgen die gleichen drei verpennten Jungs meinen Beifahrer- und Rücksitz für die Schul-Fahrgemeinschaft.  

Fahrgemeinschaften können durch regelmäßige Schokoladenspenden lange aufrecht erhalten werden (Foto: Kristian Heitkamp, Schöneberg im Hunsrück 1992).

“Rostige Spardose mit einem Loch im Boden”

Heiko Bielinski hat ähnliche Erinnerungen und versteht das gut: “Viele Menschen geben ihren Autos eigene Namen und schmücken sie mit aufwendigen Verzierungen. Der erste Kuss im eigenen Auto, der erste Urlaub alleine, der Auszug aus dem Elternhaus. Alles mit und im eigenen Auto erlebt. Das verbindet.” Das Auto als kleiner privater Raum, der sich schnell durch den öffentlichen Raum bewegt. Eine eigentlich verrückte Entwicklung, wenn man es aus einer Zeit heraus betrachtet, in der es bereits als belegt gilt, dass der Mensch für die Veränderung des Weltklimas verantwortlich ist. Bielinski gibt uns eine Einstiegshilfe in ein neues Denken: “Sehen Sie Ihr Auto nicht als Familienmitglied, sondern als rostige Spardose mit einem Loch im Boden, in die Sie jeden Monat viel Geld einwerfen und die dafür die meiste Zeit des Tages nur nutzlos rumsteht.”

Drei Autos rosteten unter meiner Führung durch und landeten auf dem Schrottplatz. Das Letzte hatte ich auf einem Parkplatz vergessen, weil ich es nach dem Umzug in die Stadt einfach nicht mehr benötigte. Einige Jahre später musste dann eine “Familienkutsche” her. So dachten wir. Hätten wir doch damals schon gewusst, wie es die Bielinskis machen!

In seinem Blog hat der Autor alle wichtigen Links zum Thema “Autofrei leben” gesammelt.

Einfach autofrei leben von Heiko Bielinski